Bistum Liechtenstein? Utopie? Traum? Möglichkeit?

Ein Artikel von Kanonikus Johannes Tschuor im Kirchenblatt für die katholischen Pfarreien im Fürstentum Liechtenstein „In Christo", 46 (1982), Nr. 21, 2. Oktober 1982, S. 1-2.

Bitte beachten Sie die Fragezeichen im Titel!

Der Artikel ist gedacht und verfasst ganz einfach als Gesprächsgrundlage. Heute, da geplant wird, die schweizerischen Bistümer neu einzuteilen, oder auch neue zu schaffen, scheint es mir nicht gang abwegig und unaktuell zu sein, einfach einmal die Frage zu erörtern, ob das Fürstentum Liechtenstein nicht eine, nur das Fürstentum umfassende eigene Diözese werden könnte/sollte. Ich weiss nicht, ob es auf der Welt noch ein anderes souveränes land mit fast nur katholischer Bevölkerung gibt, das keinen eigenen nur für es zuständigen Bischof hätte. Ein europäischer Kleinstaat Monaco, das gebietsmässig kleiner als Liechtenstein ist, 1,49 qkm, und 1957 20 200 Einwohner zählte, ist ein eigenes Bistum.

Der Kleinstaat San Marino in Italien, den ich vor kurzem in «In Christo» als eigenes Bistum angedeutet hatte, ist in Wirklichkeit Teil eines angrenzenden italienischen Bistums.

Ein Schluss, der mir vollständig fern liegt, wäre: Wenn schon die Möglichkeit besteht - die Tatsache beweist es -, dass ein souveräner Kleinstaat in Europa. ungeachtet seiner Kleinheit einen eigenen Bischof hat und eine eigene Diözese bildet, warum sollte man nicht wenigstens einmal daran denken. auch selbständig zu werden? Die Idee einer eigenen Diözese entstammt ebensowenig aus einer irgendwie bestehen den Aversion gegen das alte Bistum Chur, zu dem Liechtenstein seit mehr als einen Jahrtausend gehört, und das dem Fürstentum immer seine Sympathie und Gewogenheit bezeugt hat, wofür gerade der jetzige Churer Bischof ein beredtes Zeugnis ist. Wenn ich den Gedanken eines Bistum Liechtenstein ins Gespräch bringe, so steckt auch dieser Gedanke, wenigsten nicht primär, dahinter, dass dem erstarkten liechtensteinischen Selbstbewusstsein, dessen Wachsen ich ein halbes Jahrhundert lang beobachten konnte, nun auch kirchlich ein Entgegenkommen angemessen wäre, so dass das Land kirchlich sich nicht mehr als ein Anhängsel an die Schweiz betrachten müsste. Ich glaube, dass das Wissen um ein eigenes liechtensteinisches Bistum das Heimatgefühl für die Kirche auch intensivieren würde.

Mehr noch als dies bewegt mich ein anderer Gedanke, die Idee eines eigenen Bistums ins Gespräch zu bringen. Ich sehe in einem solchen die grössere Möglichkeit, genauso wie die Schweiz, Osterreich, überhaupt alle Länder, die eigene Art in die Gestaltung des kirchlichen Lebens einzubringen.

Bis vor etwa zwei Jahrzehnten hat kaum jemand an ein liechtensteinisches, eigenes Bistum gedacht, aber heute, da das Land sich einerseits seiner Eigenart immer bewusster wird -manchmal möchte man schon sagen: noch bewusster werden sollte - andererseits aber die Gefahr besteht, dass Einflüsse von jenseits der Grenzen durch den Pendelverkehr und die Massenmedien, liechtensteinische Eigenart, nicht zuletzt liechtensteinische Religiösität ausebnen, d.i. auf die gleiche Ebene zum Nachbarn bringen, wäre ein eigenes Bistum mit einem hier residierenden eigenen Bischof für liechtensteinisches Wesen und Besonderheit eine starke Stütze.

Ich wage die Behauptung: ein liechtensteinisches Bistum könnte direkt ein Modellbistum werden. Sie werden vielleicht bei den folgenden Ausführungen sagen: Jetzt versteigt er sich ins Utopische. Ich darf Ihnen aber sagen: All meine bisherigen Verstiegenheiten ins Land Utopia wurden nachträglich saubere klare Wirklichkeit.

Ein Bischof hier müsste ein europäischer Helder Camara sein. Sie haben sicher schon von ihm gehört: ein Bischof, der mit seiner ganzen Persönlichkeit und Rednergabe, unter Einsatz seines Lebens für Gerechtigkeit und Liebe sich einsetzt. Mit allen Mitteln sucht er die Armut seiner Diözesanen zu mildern. Der liechtensteinische Helder-Camara-Bischof müsste nicht gegen finanzielle Not kämpfen, sondern gegen die religiöse Not seines Bistums. In jedem Dorf ist diese Armut zu beobachten. Man bemerkt sie keineswegs nur am immer kleiner werdenden Prozentsatz der Teilnehmer an sonntäglichen Gottesdiensten, sondern, ebenso bedrückend, an der geistigen religiösen Verfassung der Schulneulinge; selbstverständlich nicht aller Kinder, aber vieler. Diese sind ein beredtes Zeugnis für die religiöse Armut ihrer Familie. Es wäre für einen Bischof eine grosse, aber gesegnete Arbeit, gegen diese religiöse Versteppung anzukämpfen, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, dem hohenpriesterlichen Gebet und dem doch immerhin einflussreichen, bischöflichen, aufmunternden, wegweisenden Wort

Ein Bischof, im Lande wohnend, könnte sich ganz anders, als es einem Bischof mit einem grossen Bistum überhaupt möglich ist, einsetzen für einen tiefgründigen Religionsunterricht. Seine Nähe zu allen Schulen des Landes erlaubte es ihm gerade auch hier «Episcopus», wie es das griechische Wort besagt: Aufseher, Wächter, Hüter, Leiter, Beschützer, Hort zu sein. Sein wegweisendes bischöfliches Wort wäre gerade für die Laienkatecheten/innen ausserordentlich wichtig. Einem einheimischen Bischof wäre es viel eher möglich, darauf zu achten, dass nur solche Laien für die Erteilung von Religionsunterricht die Erlaubnis bekommen, deren Leben und Charakter übereinstimmt mit dem Glauben, den sie verkünden sollen und die nicht um des Honorars willen, sondern gedrängt durch ihren Glauben und ihre Liebe zur Kirche dieser Aufgabe sich stellen. Auch dies würde m.E. für einen eigenen Bischof im Lande sprechen, weil damit die Hoffnung für einen grösseren geistlichen Nachwuchs wachsen würde. Für einen eventuellen Überschuss an Berufungen wären die Orden und die Entwicklungsländer noch so dankbare Abnehmer!



Die Gründung eines eigenen Bistums würde natürlich sehr viele Fragen aufwerfen. Ich kann sie nur andeuten.

Ein Domkapitel? Würde ein kleiner Bischossenat, der ja im Grunde jedes Domkapitel ist, nicht genügen? Ein Bischofssenat, bestehend aus einem kleine Kreis von Geistlichen und - warum auch nicht? - von Laien? Können nicht auch Laien einem Bischof beratend zur Seite stehen? Und, fallen Sie nicht vom Stuhl: zu diesem Kreis gehörte auch eine Bischofssenatorin. Beim wachsenden Einsatz der Frauen für die Kirche und ihrer Aufgabe in der Familienkirche dürfte auch ihr Wort in diesem Kreis nicht fehlen. Ich glaube, das wäre sogar beispielgebend für andere Diözesen, wenn auch eine Frau zum Beraterkreis des Bischofs gehörte, also einmal eine Canonica, statt eines Canonicus.

Bischofssitz? Wo anders als in Vaduz?

Bischofskirche: Pfarrkirche Vaduz. Hätte ja auch genügend Platz für einen bischöflichen Thron - so er notwendig wäre.

Viele Arbeiten, die einem Bischof auferlegt sind, könnte er bei der Kleinheit des Bistums selbst verrichten. Ein Sekretär, der als Kanzler amtet, würde ihm sicher zugestanden werden.

Bischofswahl. Die Ernennung eines Bischofs ist ausschliesslich Recht des Papstes. Johannes Paul II. könnte eine Ernennung aber sicher nicht vornehmen, ohne vorausgehende Erkundigung bei Kennern des Landes und der Leute. Der erste wäre natürlich der bisherige Landesbischof. Bei der Ernennung eines liechtensteinischen Bischofs für die zu schaffende Diözese sollte auch die Gesamtheit des liechtensteinischen Klerus einen Vorschlag machen können. Heutzutage sollte auch ein Kreis von Laien - Männern und Frauen -, dessen Zusammensetzung der bisherige Landesbischof auf Vorschlag des Klerus vornehmen könnte, mitempfehlen dürfen. Auf diese Weise kämen auch Laien zum Zuge bei der Wahl eines Bischofs, der ja nicht nur Bischof der Geistlichen ist, sondern ebensosehr auch der Laien, aller Laien.

Finanzen. Natürlich braucht ein Bistum gewisse Einnahmen. Ein Bischof muss ja auch gelebt haben, muss ein Auto, eine anständige Wohnung als Bischofssitz und ein Gehalt haben. Wer dafür aufkommen müsste, wäre zu erörtern. Ich glaube aber nicht, dass daran die Idee eines selbständigen Bistums scheitert.

Kleine Frage: Ein Bischof trägt das Bischofskreuz. (Helder Camara hat ein solches aus Holz, das nicht an einer goldenen Kette, sondern an einer aus Baumwolle gedrehten Kordel hängt. Ich habe dies gesehen, als er mir einmal am Tisch gegenüber sass.) Muss es ein goldenes Kreuz sein, gibt es sicher viele in Liechtenstein, die es sich zur Ehre anrechnen würden, ihm ein solches schönes Kreuz zu schenken.

Sogar für den Bischofsstab würden sich sicher freudige Spender finden.

Es könnte sein, dass mir jemand den Vorwurf macht, ich wollte jetzt, da am alten Bistum Chur gerupft wird - Zürich soll ja ein eigenes Bistum werden -, auch noch mithelfen und zudem dabei mit einer jahrtausendjährigen Tradition brechen. Hat denn die Kirche im Konzil nicht auch mit alten liebgewordenen Traditionen, Bräuchen, Gepflogenheiten gebrochen?

Sollte um der Tradition willen nicht etwas Neues geschaffen werden, das Aussicht hat, dem Bischof wieder eine grössere Wirksamkeit zu ermöglichen, der religiösen Versteppung mit genauerer Kenntnis aller Faktoren entgegenzutreten?

Es gibt sicher auch Gründe zum Verbleiben im alten Bistumsverband. Sie müssten mit dem Vorteil eines eigenen Bistums verglichen und beurteilt werden.

Ich hoffe, dass man mich nicht missversteht. Mein Diskussionsvorschlag geht in keiner Weise gegen Chur, noch viel weniger gegen seinen Bischof, der sich um Liechtenstein wirklich verdient gemacht hat. Es geht mir einzig um die grössere Möglichkeit der seelsorglichen Betreuung.

Die Apostel hörten am Ostersonntag-Abend: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Das gilt auch für die Nachfolger der Apostel. Ich glaube, diesem Sendungsauftrag unseres Herrn kann ein Bischof in einem kleinen, so gut übersehbaren Gebiet viel besser nachkommen, als es in einem grossen Bistum der Fall ist.

Sicher werden Gelehrte im kanonischen Recht Einwendungen erheben, manches als gegen das gültige kanonische Recht bezeichnen. Sie mögen dabei nicht vergessen, dass das Ganze nur Grundlage für eine Diskussion über ein selbständiges Bistum Liechtenstein ist. J .T.